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Dienstag, 18. Januar 2011

Interview Krystyna Kuhn

Spätestens seit „Das Tal – Das Spiel“ ist Krystyna Kuhn in ganz Deutschland
bei Jugendlichen bekannt. Mit den ersten drei Teilen der Reihe begeisterte sie bisher ein riesige Publikum. Im Februar erscheint „Das Tal – Die Prophezeiung“ und dann geht es mit Season 2 der Tal-Reihe weiter.

Krystyna Kuhn war so nett und hat für mich einige Fragen beantwortet, deren Antworten ihr hier lesen könnt. Viel Spaß und wie immer würde ich mich über Kommentare freuen!


Wie kamen Sie auf die Idee zu der Reihe „Das Tal“?
Ich wurde durch Internatsgeschichten und durch die Fernsehserie LOST inspiriert. Da geht es um eine Gruppe von Menschen, die auf eine Insel gelockt werden und dort um ihr Überleben kämpfen. In meinem Fall handelt es sich nicht um eine Insel, sondern um ein College in einem abgelegenen Tal in den Rocky Mountains. Wie in LOST hat jede Figur ein Geheimnis. Ich bin allerdings auch ein großer Fan von Stephen King. Seine Mystery-Elemente faszinieren mich immer wieder aufs Neue.


Ich selbst bin großer LOST-Fan und habe natürlich alle Staffeln gesehen. Am Ende der Serie bleiben ja noch einige Fragen offen. Wird es am Ende der Reihe auch noch offene Fragen geben?
LOST zieht sich ja über eine lange Strecke und hat einen extrem komplexen Plot. Vermutlich setzte man dort auf die Vergesslichkeit der Zuschauer. Meine Leser sind dagegen sehr aufmerksam und bemerken alles. Am Ende muss alles plausibel sein und einen logischen Zusammenhang ergeben. Das ist auch eine Herausforderung.



Wie viel können Sie uns aus den nächsten Bänden erzählen?
Jeder Band hat sein eigenes Setting und einen neuen abgeschlossenen Plot. Im zweiten Band begeben sich die Jugendlichen auf eine Bergtour, um das Verschwinden von acht Studenten zu klären. Im dritten Band werden einige von ihnen bei einem Schneesturm in das College eingeschlossen und erleben eine Art Horrortrip. Im vierten Band begeben sie sich auf eine Abenteuertour, um das Leben eines ihrer Freunde zu retten und erfahren weitere Geheimnisse des mysteriösen Tals.



Wie wird es nach „Das Tal“ weitergehen?
Es geht mit dem TAL - SEASON II weiter, das heißt es wird vier weitere Bände geben. Das Geheimnis der acht Studenten wird in Band IV aufgeklärt, aber das Grauen geht weiter!


Können Sie schon etwas mehr aus Season 2 verraten? Wie soll es weitergehen? Wird die Season auch im Tal spielen?
Ja, die zweite Staffel ist in der Planung und natürlich werden die nächsten vier Bände wieder im Tal spielen. Das Tal ist ein mysteriöser Ort, der noch viele Geheimnisse birgt, die aufgedeckt werden müssen. Und es geht auch um die Frage, weshalb die Jugendlichen dort sind. Ist das Zufall oder sind sie auserwählt? Verändert das Tal sie oder verändern sie das Tal? Und die Frage aller Fragen: Ist dieser Ort wirklich böse?



Wissen Sie schön genau, wie die Geschichte enden wird?
Ganz genau weiß ich es noch nicht. Während des Schreibens ergeben sich ja immer wieder neue Ideen und Wendungen. Aber den sogenannten Masterplot habe ich schon im Kopf.



Können Sie schon irgendetwas aus diesem Masterplot verraten? Es geht ja das Gerücht um, dass Joanne K. Rowling den letzten Satz der Reihe wusste, als sie mit dem ersten Band der Reihe begann. Haben Sie sich schon den letzten Satz der Reihe ausgedacht?
Nein. Aber manchmal ist es wirklich so, dass man den letzten Satz eines Buches schon kennt und noch keinen Anfang hat. Insofern glaube ich Joanne K. Rowling.


Warum wird jedes Buch aus der Sicht einer anderen Person erzählt?
Ich denke, es würde schnell langweilig, wenn vier oder mehr Bände aus einer Perspektive erzählt würden. Es würde auch der Komplexität des Plots nicht gerecht. So lernt man außerdem jede der Personen besser kennen. Und selbst die Figuren, die einem unsympathisch waren wie Debbie, wachsen einem ans Herz, wenn man ihre Geschichte kennt und versteht.


Ist es sehr schwierig, die Spannung über so viele Teile aufrecht zu erhalten?
Nein – eigentlich nicht. Das macht mir wirklich Spaß. Inzwischen bin ich auf Spannungselemente programmiert. Und es ist immer wieder eine große Herausforderung einen guten Cliffhanger zu schreiben.



Gibt es eine Person in der Reihe, die Ihnen besonders gut gefällt?
Ja, meine Lieblingsfigur ist Robert. Er ist für mich der interessanteste Charakter. Ich mag diese Mischung aus Hochintelligenz und großer Sensibilität. Normalerweise denkt man ja, dass Mathematiker nur vom Verstand gelenkt werden. Bei Robert ist das anders. Er ist kein Autist, sondern setzt seine Fähigkeiten für die Gruppe ein.


Und wen mögen Sie gar nicht? Vielleicht Katie? Ich mag Katie gar nicht!
Ich mag Katie sehr gerne, vielleicht weil sie mir am ähnlichsten ist. Ich kann aber verstehen, dass sie einem auf die Nerven geht. Sie ist kein harmonischer Charakter. Ich respektiere alle meine Charaktere. Das liegt daran, dass ich ihre Geschichte und Biographie kenne. Da entwickelt man viel Verständnis. Das ist in Büchern wie im Leben. Nichts Menschliches ist mir fremd.


Was macht die Reihe wohl so erfolgreich? Irgendwelche Vermutungen?
Schwierig für mich das zu beurteilen. Das können die Leser besser. Aber ich denke, die Spannungselemente fesseln die Leser. Ich persönliche finde auch die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart faszinierend. Der mysteriöse Ort. Und man fühlt mit den Charakteren, die nicht nur mit ihren eigenen Geheimnissen konfrontiert werden, sondern auch mit denen ihrer Eltern.


Wie schaffen Sie es, in drei Monaten ein Buch zu schreiben? Kommt da nicht manchmal die Familie zu kurz?
In solch einem Tempo zu schreiben bedeutet, dass ich immer hochkonzentriert sein muss und eigentlich nie frei habe. Das ist der totale Ausnahmezustand und man kann es nicht lange durchhalten. Ich habe allerdings das Gefühl, dass nicht meine Familie zu kurz kommt, sondern ich selbst.


Denken Sie, dass Ihr Kind damit angibt, dass ihre Mutter eine sehr erfolgreiche Autorin ist?
Definitiv nein, aber sie verschweigt mich auch nicht. Nur wenn sie die Erfahrung macht, dass Menschen sie über ihre Mutter definieren, dann hasst sie das verständlicherweise. Ich versuche außerdem immer wieder meiner Umwelt zu vermitteln, dass am Ende auch dieser Job harte Arbeit ist.


Wenn Sie mit der Arbeit an einem neuen Band beginnen, wie genau haben Sie die Handlung dann durchgeplant?
Ich arbeite immer einen ziemlich genauen Szenenplan aus, an den ich mich allerdings nicht immer genau halte. Denn oft ergeben sich beim Schreiben neue Aspekte, an die man vorher nicht denkt. Sonst wäre die Arbeit für mich ja auch langweilig.


Was lieben Sie besonders an Ihrem Job?
Die Selbstständigkeit, die Freiheit, das Kreative. Dass ich alles, was mich interessiert, beschäftigt, berührt in Geschichten verpacken kann. Das ist einfach nur Wunderbar.


Am Ende jedes Bandes steht eine Totentafel, auf der immer mehr neue Namen drauf kommen. Wie viele werden am Ende der Reihe dort stehen?
Das weiß ich noch nicht genau, aber da kommen schon noch einige dazu. Aber vielleicht doch eine Hochrechnung? In jedem Band gibt es mindestens zwei Tote, bei acht Bänden wären das sechzehn Todesfälle. Aber irgendwie erscheint mir das zu wenig? Oder?


Vielen Dank für das tolle und informative Interview!

Freitag, 12. November 2010

Interview Anne Rudolph

Ich habe mich schon so oft gefragt, wie Lektoren so arbeiten und deshalb habe ich mir gedacht, ich schreibe einfach mal das Lektorat der Droemer Knaur Verlagsgruppe an und frage nach einem Interview. Und Frau Anne Rudolph hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten. Hier sind sie:



Würden Sie sich bitte kurz vorstellen, bevor Sie die Fragen beantworten?
Mein Name ist Anne Rudolph und ich bin Junior Lektorin im Belletristik Lektorat der Verlagsgruppe Droemer Knaur. Erstaunlicherweise verlief mein Weg hierher ohne größere Umwege: geisteswissenschaftliches Studium, Praktika, ein Volontariat, Lektorenstelle. Nachdem die Fantasy schon immer mein Steckenpferd war, betreue ich hauptsächlich Autoren in diesem Themenbereich. An deutschen Autoren sind das z.B. Markus Heitz und die Neuentdeckung Janika Nowak. Lynda Hilburn, Sharon Ashwood und Alaya Johnson sind Beispiele aus dem amerikanischen Raum.


Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Lektors/einer Lektorin aus?
Mein Tag fängt jeden Morgen mit dem Checken der E-Mails an (neulich ist unser E-Mail-Programm ausgefallen: Ich habe mich wie eine Heroinsüchtige auf Entzug gefühlt). Aber darüber hinaus gibt es kaum einen „typischen“ Tag. Der größte Teil meiner Arbeit besteht aus organisatorischen Aufgaben. Lektoren werden inzwischen oft als Projektmanager beschrieben und das stimmt auch. Man betreut sämtliche Entwicklungsschritte eines Buches: Man findet ein Projekt, überzeugt seine Kollegen im Lektorat davon, verhandelt über die Rechte, findet einen Übersetzer und/oder Redakteur, arbeitet mit dem Autor am Text oder bespricht problematische Textstellen mit dem Übersetzer, redigiert eventuell selbst, wozu aber meistens keine Zeit bleibt, schreibt sämtliche Informationstexte zu dem Buch, denkt sich einen Titel aus, liefert Cover-Ideen, diskutiert über Cover-Varianten, stellt das Buch den anderen Abteilungen des Hauses vor, überprüft die Druckfahnen und erstellt und korrigiert die Projektkalkulation. Und irgendwann freut man sich dann, wenn man ein fertiges Buch in Händen hält.


Lesen Sie die Manuskripte am PC oder in ausgedruckter Form? Und wenn in ausgedruckter Form: wie viele Rotstifte brauchen Sie im Jahr?
Das kommt darauf an: Wenn ich einen Text prüfe, um zu entscheiden, ob er für uns interessant ist oder nicht, lese ich in der Regel auf meinem eBook-Reader. Außerdem gibt es natürlich auch nach wie vor fertige Bücher von ausländischen oder deutschen Verlagen (Bei deutschen Büchern sind das Hardcover-Titel, deren Taschenbuch-Rechte verkauft werden.). Private Manuskripteinsendungen akzeptieren wir nur auf dem Postweg, da lese ich also immer einen Ausdruck. Wenn ich hingegen redigiere, tue ich das in einem ersten Schritt am PC und drucke dann den fertig überarbeiteten Text noch einmal aus, um ihn mir durchzulesen. Im Idealfall hat man dann beim ersten Durchgang am PC nur Kleinigkeiten übersehen, so dass der Verschleiß an Rotstiften minimal ist. Wie viel nun bei einer Redaktion tatsächlich geändert wird, ist von Fall zu Fall ganz unterschiedlich.

Wie viele unveröffentlichte Seiten lesen Sie täglich?
Das ist ganz unterschiedlich. Zwischen Null und fünfhundert.


Fünfhundert? Ehrlich? Wie schaffen sie das? Es gibt Tage, da bin ich froh, wenn ich zwanzig Seiten schaffe.
Na ja, 500 Seiten sind die Ausnahme. Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mir eine halbe Nacht mit einem Buch um die Ohren schlage, weil es so gut ist. Aber genau dafür leben wir als Lektoren ja auch: dieses besondere Buch zu finden, das eine so atemlose Spannung auslöst, dass man bis nachts um drei liest. Gemein ist es dann nur, am nächsten Morgen aufzustehen, um sich zur Arbeit zu schleppen und das Gutachten zu dem Buch zu schreiben (diese Gutachten sind die Entscheidungsgrundlage für die anderen Kollegen). Die meisten Bücher sind natürlich keine 500 Seiten lang, sondern eher 350 – 400 Seiten (jedenfalls im Englischen, bei der deutschen Übersetzung wird der Text circa 15% länger).


Haben Sie überhaupt noch Lust, in Ihrer Freizeit zu lesen, wenn sie den ganzen Tag Manuskripte lesen?
Freizeit? Was war das noch gleich? Nein, Spaß beiseite … In der täglichen Arbeit kommt man kaum zum Lesen, das Prüfen von Manuskripten erledigen wir überwiegend in der Freizeit. Manchmal muss man sich extrem schnell eine Meinung zu einem Projekt bilden, und dann liest man auch schon mal im Büro, aber das ist eher die Ausnahme. Wenn man alle paar Wochen mal einen ruhigen Freitagnachmittag findet, um sich durch die Stapel von Prüfexemplaren zu wühlen, ist das schon Luxus.

Hypothetischer Fall: ein Autor schickt Ihnen ein Manuskript, sie lesen es und stellen fest, dass es totaler Mist ist. Was machen Sie dann?
Ich freue mich! Nein, wirklich, das ist vollkommen ernst gemeint. Im ersten Moment hört sich das sicher etwas gemein an, aber tatsächlich sind mir richtig schlechte oder eben richtig gute Manuskripte am liebsten. Bei richtig guten weiß ich nach der Lektüre, dass ich mir die Rechte für unseren Verlag sichern will. Bei richtig schlechten ist meist schon nach wenigen Seiten klar, dass ich sie absage. Ärgerlich sind dagegen Bücher, von denen zweihundert Seiten großartig sind und die danach völlig ihre Spannung verlieren. Dann habe ich viel Zeit in die Lektüre investiert, und das völlig umsonst. Zumindest bei ausländischen Autoren. Bei deutschen Manuskriptangeboten, von denen man nicht vollkommen überzeugt ist, stellt sich natürlich immer die Frage, ob die Autoren ihre Geschichten vielleicht verbessern können und das Potential haben, sich weiterzuentwickeln.

Hatten Sie einen solchen Fall schon einmal?
Sie meinen einen furchtbar schlechten Text? Ja, sicher. Genauso wie man absolut großartige Geschichten und so ziemlich alles in der Mitte dazwischen liest.

Wie viele Manuskripte lesen Sie im Jahr?
Ganz ehrlich, keine Ahnung. Wenn mir etwas nicht gefällt, lese ich auch nicht das gesamte Manuskript. Die Zahl ist auf jeden Fall dreistellig, darüber hinaus wage ich keine Schätzung.

Dürfen Sie sich aussuchen, ob Sie ein Manuskript lesen wollen oder nicht? Oder sagt Ihr Vorgesetzer einfach: „Los Frau Rudolph, Sie lesen das jetzt!“?
Der umgekehrte Fall ist eigentlich häufiger: Man streitet sich mit einem Kollegen, wer ein Projekt, das sich nach einer besonders tollen Idee anhört, lesen darf. Aber grundsätzlich haben alle Lektoren bestimmte Themengebiete, die wir abdecken. Wir sind zum Beispiel drei Lektoren, die Fantasy lesen, und von denen bin ich vor allem für die romantischen Geschichten zuständig. Gelesen werden müssen in erster Linie die Projekte, die „heiß“ gehandelt werden, das heißt für die sich viele Verlage interessieren. Da lesen dann auch häufig mehrere Kollegen, damit wir ein fundiertes Meinungsbild bekommen.


Kommen Autorinnen und Autoren auf den Verlag zu, oder schreiben Sie Autorinnen und Autoren an?
Ausländische Autoren werden ausschließlich über Agenturen vermittelt, mit denen wir eng zusammen arbeiten. In der Regel kommen sie auf uns zu und bieten uns Projekte an, umgekehrt fragen wir aber auch nach bestimmten Themen, wenn uns etwas im Programm fehlt. Deutsche Autoren kommen entweder auch über Agenturen zu uns oder schreiben uns direkt an.

Montag, 23. August 2010

Interview Jilliane Hoffman

Kurz bevor ich „Mädchenfänger“ gelesen habe, suchte ich den Kontakt zu der Autorin Jilliane Hoffman und begann mit ihr zu schreiben. Wir haben uns Mails geschrieben und ich habe sie, einfach mal so, gefragt, ob sie mir ein paar Fragen für meinen Blog beantworten würde. Und sie hat sofort zugestimmt und hat mir die Fragen fleißig beantwortet. Viel Spaß und über Kommentare würde ich mich sehr freuen! :)


In „Cupido“ und „Morpheus“ warst Du bei der Beschreibung der Gewaltszenen sehr genau. Warum lies diese Genauigkeit bei „Vater Unser“ und „Mädchenfänger“ nach?
Das ist eine interessante Frage! Meiner Meinung nach enthalten sowohl Vater Unser als auch Mädchenfänger einige ziemlich brutale Szenen. Vielleicht habe ich mich bei den Gewaltszenen etwas zurückgenommen, weil die Opfer in Vater Unser und Mädchenfänger Kinder sind. Ich denke, dass die Leser Brutalität eher ertragen können, wenn es um Erwachsene geht, aber wenn Kinder und Tieren betroffen sind, das Buch weglegen würden.

„Morpheus“ endet offen. Warum? Wird es eine Fortsetzung geben? Oder willst Du, dass sich die Leser ihre eigene Gedanken machen?
Ich schreibe gerade an einer Fortsetzung zu „Morpheus“ um die Geschichte um C.J. Townsend und Bill Bantling zu beenden.

In „Mädchenfänger“ geht es um einen Serienmörder, der seine Opfer über das Internet kennenlernt. Warum hast Du Dich für diese Thematik entschieden? Willst Du Eltern warnen, dass sie aufpassen sollen, was ihre Kinder am PC machen?
Definitiv! Ich denke, dass viel zu viele Eltern den Computer in ihrem Haushalt als lebloses Objekt betrachten, von dem keinerlei Bedrohung ausgeht, vor allem dann, wenn er ausgeschaltet ist. Sie verstehen es entweder selber nicht, oder sie wollen es gar nicht verstehen, dass die Reichweite des Internets lang ist und welche irreparablen Schäden das Drücken einer einzelnen Taste auslösen kann. Ich selbst habe viel zu viele Eltern gesehen, die soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace bewusst ignorieren und dabei nicht mitbekommen, dass ihre Kinder sich dort treffen und sich mit ihren Freunden unterhalten. Was Chaträume betrifft, wissen viele Eltern noch nicht einmal was ein Chatroom ist oder wie oft dort Gespräche geführt werden, in denen es um Sex und Drogen geht. Sie haben auch keine Ahnung wie man eine Nachricht verfasst oder was „Sexting“ (die private Verbreitung erotischen Bildmaterials des eigenen Körpers über MMS, Anm. d. Übers.) ist, oder wofür man einen AIM Account (AIM = AOL Instant Messenger, Anm. d. Übers.) braucht. Die kalte, harte Realität ist aber, dass dies die Orte sind, an denen Kinder und Jugendliche wirklich böse Menschen treffen können. Genau wie man seine Kinder davor warnen würde, mit einem Fremden im Park zu reden, sollten diese Eltern ihre Kinder davor warnen, sich mit Menschen, die sie nicht kennen, auf ihrer Facebook-Seite anzufreunden; und selbstverständlich niemals zustimmen, dass sie jemanden treffen, den sie im Internet kennengelernt haben.

In den ersten drei Büchern waren die Hauptpersonen immer Frauen. Warum jetzt plötzlich ein Mann?
Ich wollte einfach eine drastische Veränderung. Ich dachte, es wäre mal interessant, aus dieser Perspektive zu schreiben. In unserer Gesellschaft werden Männer immer noch als das Familienoberhaupt bezeichnet. Die Beschützer der Familie. Sie bringen den Müll raus und mähen den Rasen, und sie kümmern sich darum, dass alle Türen verschlossen und Frau und Kinder sicher in ihren Betten liegen, bevor sie selbst zu Bett gehen. In Familien, in denen der Vater dann auch noch Polizist ist, trifft dieses Klischee dann auch fast immer zu. In Mädchenfänger ist die Hauptfigur Bobby Dee ein gefeierter Sonderermittler, der eine Elitetruppe von Kommissaren anführt, die auf Kindesmissbrauch spezialisiert ist. Aber als seine eigene Tochter vermisst wird, merkt er, dass er genauso hilflos ist, wie jeder andere. Er ist nicht in der Lage sie zu finden und sicher nach Hause zu bringen. Ich wollte schildern, wie Bobbys selbst wahrgenommenes Scheitern als Vater, Ehemann und Polizist sein Handeln im wohl perversesten und kompliziertesten Fall seiner Karriere beeinflusst.

Du hast in Deinem ehemaligen Beruf als Staatsanwältin sicherlich viel Gewalt erlebt. Versuchst Du dies jetzt in Deinen Büchern zu verarbeiten?
Ich werde definitiv von den Fällen beeinflusst, die ich über die Jahre hinweg behandelt habe. Man kann nicht als Staatsanwältin mit Opfern von brutalen Verbrechen arbeiten und dabei nicht beeinflusst werden. Einige Geschichten werden mich wohl bis zu meinem Tod verfolgen. Ich denke, dass einige meiner besten Charaktere die Opfer, Polizisten, Richter und Verteidiger, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, als Vorlage haben.

Welches Deiner Bücher gefällt Dir besonders gut, und warum?
Ich liebe „Mädchenfänger“, wahrscheinlich weil ich selbst zwei Töchter im Teenageralter habe. Über Laineys Entführung und Bobby Dees verzweifelte Suche nach ihr zu schreiben, kam mir sehr real vor. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es wohl der beängstigendste Roman, den ich je geschrieben habe. „Cupido“ hingegen war mein erster Roman. Auch wenn es fast ein Jahr gedauert hat, ihn zu schreiben, hatte ich die Geschichte schon über Jahre hinweg entwickelt während ich erst als Staatsanwältin und dann als Anwältin für FDLE ( Florida Department of Law Enforcement, Anm. d. Übers.) gearbeitet habe. Mein eigentliches Ziel war es, einfach nur die Geschichte aufzuschreiben, sie aus meinem Kopf heraus auf Papier zu bannen; ich habe es sehr genossen, es war als würde man zusehen, wie das eigene Baby groß wird und plötzlich das Medizinstudium beendet.

Dürfen wir uns über weitere Bücher von Dir freuen? Vielleicht sogar eins mit Bobby Dees oder einer Protagonistin aus Deinen anderen Büchern?
Alle meine Bücher spielen in Miami und rund um das Büro des Staatsanwalts und die diversen Polizeireviere in der Stadt. Ich habe diverse Charaktere in jedem meiner Bücher entworfen, so dass es möglich wäre, in zukünftigen Büchern Helden und Schurken zu kombinieren. Ich liebe Bobby Dee. Ich würde ihn gerne in ein Team mit Dom Falconetti oder Manny Alvarez oder John Latarrino stecken. Vielleicht für ein Shooting für einen Kalender…

Deine Thriller sind internationale Bestseller. Kannst Du Dir erklären warum? Und hast Du dir dies jemals vorstellen können?
Der Erfolg meiner Bücher überwältigt mich, besonders der in Deutschland. Das ist wirklich toll! Ich weiß die Unterstützung der Fans sehr zu schätzen. Ich denke, die Leute mögen meine Bücher, weil sie sehr realistisch sind. Die Geschichten dahinter sind fiktiv, aber sie sind definitiv von den Fällen, an denen ich über die Jahre hinweg gearbeitet habe, inspiriert. Ich denke sie fühlen sich real an, weil sie es in gewisser Hinsicht auch sind; und das spüren die Leser. Es gibt ihnen die Möglichkeit, völlig in die Geschichte einzutauchen und sich von ihr davon tragen zu lassen.

Könntest Du Dir auch vorstellen, etwas anderes außer Thriller zu schreiben?
Nein. Ich liebe es, Thriller zu schreiben – dieses Gänsehaut-Gefühl das man bekommt, wenn man ein richtig gruseliges Kapitel beendet. Ich liebe es, Leser an den Schauplatz eines Verbrechens mitzunehmen und ich liebe es in die Gedanken eines Mörders einzudringen. Auch wenn es definitiv Spaß macht, Sexszenen zu schreiben, denke ich nicht, dass sich Danielle Steele Sorgen machen muss.

Kannst Du noch normal in den Supermarkt um die Ecke gehen oder wirst Du überall auf Deine Bücher angesprochen?
Für mich ist eines der besten Dinge am Autorendasein, die Anonymität. Im Gegensatz zu einem Filmstar oder einem Fernsehstar kommt den Leuten vielleicht mein Name bekannt vor, aber nicht mein Gesicht, was bedeutet, dass ich normalerweise in aller Ruhe mein Müsli einkaufen kann ohne dabei all zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Für mich ist es das Größte, wenn ich jemanden dabei erwische, wie er mein Buch liest, im Buchladen um die Ecke, oder im Flugzeug, oder am Strand. Das kann sehr lustig sein. Einmal saß ich im Flugzeug neben einer Frau, die den ganzen dreistündigen Flug über mein Buch las. Mein Gesicht bedeckte das gesamte Buchcover, und trotzdem erkannte sie mich nicht, auch nicht als wir uns kurz unterhielten und sie das Buch auf ihren Schoß legte, mit dem Cover nach oben. Als wir von Bord gingen, fragte ich sie, ob das ein gutes Buch sei, das sie da lese. Glücklicherweise sagte sie „Ja.“ Es sei das beste Buch, das sie je gelesen habe. Ich fragte sie, wer es geschrieben habe. Sie antwortete „Jilliane Hoffman.“ Darauf sagte ich, dass ich mir das Buch dann wohl kaufen müsse um selber festzustellen, ob es wirklich so gut ist.

Warum hast Du deinen Job als Staatsanwältin aufgegeben?
Um „Cupido“ zu schreiben. Diese Geschichte habe ich über mehrere Jahre in meinem Kopf entwickelt bevor ich letztendlich in der Lage war, mich hinzusetzen und sie zu Papier zu bringen. Ich habe sogar versucht, „Cupido“ zu schreiben während ich noch bei FDLE gearbeitet habe, aber Gesetze hüten ist kein normaler Schreibtischjob und ich hatte zwei kleine Kinder zu dieser Zeit, also war es einfach nicht drin, einen Roman zu schreiben. Ich musste dann feststellen, dass der einzige Weg um tatsächlich einen Roman zu schreiben war, den Beruf, den ich wirklich geliebt habe, aufzugeben. Es war eine schwere Entscheidung, aber sie hat sich gelohnt. Und ich liebe es, Schriftstellerin zu sein. Ich kann spät nachts schreiben und bin da, wenn meine Kinder von der Schule nach Hause kommen. Das ist für mich wichtig.

Was sagt Deine Familie zu Deinem Erfolg?
Mein Ehemann ist mein Fels in der Brandung – er hat nie daran gezweifelt, dass ich Erfolg haben werde – von dem Tag an, an dem ich den Stift in die Hand nahm. Das ist sehr lustig, denn ich habe oft gezweifelt. Meinen Kindern ist es ein wenig peinlich, wenn ein Lehrer oder ein Trainer mich erkennt, oder meine Bücher liest. Aber sie sind ja auch Teenager und selbst einen Kuss in ihre Richtung zu hauchen, wenn man sie vor der Schule absetzt, lässt sie in die nächste Toilette flüchten um sich zu verstecken. Also denke ich, dass es ihnen auf eine positive Art peinlich ist. Meine Mutter ist sehr stolz auf mich und erzählt jedem, dass ich neben den blonden Haaren auch das Schreibtalent von ihrer Seite der Familie geerbt habe. Und mein Vater ist einfach nur stolz.

Dein Abschlusskommentar?
Ich möchte allen meinen Lesern dafür danken, dass sie meine Bücher lesen und sie so vielen weiterempfehlen, die einen guten Thriller lesen möchten! Ich wäre definitiv nicht so erfolgreich ohne die anhaltende Unterstützung und Loyalität meiner Fans. Es ist das positive Feedback auf Facebook und meiner Website das mich oft bis in die späte Nacht hinein am Schreibtisch hält!


Noch einmal vielen Dank an Jilliane Hoffman! Und auch Claudia-Marina möchte ich danken, denn sie hat meine Fragen und Jilliane Hoffman's Antworten übersetzt – ohne sie wäre das hier nicht möglich!

Freitag, 23. Juli 2010

Interview Benjamin Stein Teil II



Gefällt Ihnen das Wechsler-Buch oder das Zichroni-Buch besser? 
Ich mag sie beide. Erzähltechnisch konnte ich mich im Wechsler-Strang natürlich mehr austoben, und die vielen Anleihen bei Techniken aus dem Film- und Serienumfeld, begeistern mich auch beim Lesen. Zichroni musste aus dramaturgischen Gründen erzähltechnisch eher konventionell bleiben, also chronologisch erzählen mit kaum einmal wechselndem Erzählstandpunkt. So kann er Ruhe ausstrahlen – hoffe ich jedenfalls – und aus dieser Ruhe heraus allerhand wirklich Ungeheuerliches erzählen… Ich finde also, dass jeder Strang einen eigenen Reiz hat. Und vergessen Sie nicht: Nur beide zusammen ergeben das Buch.
Als meine Mutter sah, dass das Buch zwei Seiten hat, musste sie lachen und hat gefragt: „Was für ein bekloppter Autor kommt denn auf so eine Idee?“ Hören Sie oft so etwas?
Nein. Wahrscheinlich, weil es sich doch schnell mitteilt, dass die äußere Form einen Sinn hat und nicht einfach nur Spielerei ist. In letzter Zeit höre ich hingegen gelegentlich, das sei ja nun wirklich nichts Neues. Das behaupte ich auch nicht. Es würde mich nicht wundern, wenn ein anderer Autor irgendwo auf der Welt schon einmal eine ähnliche Idee gehabt hätte. Wenn es so ist, bin ich froh, nichts davon gewusst zu haben. So konnte ich dieses Buch so gestalten, wie es mir vorschwebte, wie es die Geschichten, die ich erzähle, von mir wollten.
Hat der Titel „Die Leinwand“ etwas mit dem Roman (der ja auch erwähnt wird) „The Picture of Dorian Gray“ zu tun, bezieht er sich auf diesen Roman? Und wenn ja, warum? Frage von Claudia Marina Jadownicki 
»Dorian Gray« ist, wie Amnon Zichroni es erzählt, ein »Roman, in dem der Dolchstoß ins Herz eines Bildnisses den Menschen tötet, den das Bild zeigt.« Identität ist das Bildnis, das wir uns und anderen von uns machen. Versucht jemand, diese »Leinwand unseres Selbstbildes« zu zerstören, trifft es uns. Der Dolch durchstößt »nur« eine Leinwand und wird dennoch blutig dabei…
Werden Sie auch im Supermarkt auf Ihr Buch angesprochen?
Nein. Dichter sind (hierzulande / heutzutage / glücklicherweise) keine Popstars, und das ist auch gut so.
Wird es weitere Bücher von Ihnen geben? 
Das liegt nicht nur in meiner Hand. Aber ich habe im Moment mindestens noch zwei Romanvorhaben, die ich unbedingt umsetzen möchte. Eines davon macht schon gute Fortschritte, und ich glaube, behaupten zu dürfen: Das wird ein ziemlich aufregendes Buch.
Auch von hier noch einmal vielen Dank an Benjamin Stein!

Interview Benjamin Stein Teil I




Der Autor Benjamin Stein, der mich mit seinem Buch „Die Leinwand“ sehr begeistert hat, hat sich dazu bereit erklärt, einige Fragen zu beantworten. Heir seine Antworten:




Sie werden diese Frage sicherlich schon tausend mal beantwortet haben, und sicherlich noch tausend mal beantworten müssen. Aber trotzdem möchte ich Ihnen die Frage stellen: wie kamen sie auf das Layout zu dem Buch und wie schwer war die Umsetzung?
Was mich interessiert hat, waren die Themen Erinnerung und ihre Wandelbarkeit sowie Identität und die Übergänge von einer in eine andere. Das sind Vorgänge, bei dem die Deutung und Um-Deutung unserer Erinnerungen oft eine wesentliche Rolle spielt. Es gab zunächst eine Handvoll Plot-Ideen (http://turmsegler.net/20071226/alles-fuegt-sich-zusammen/), allesamt interessant, aber nur in einer schlummerten die zusätzlichen Dimensionen, die mich ebenfalls reizten: Der Wechsler-Zichroni-Plot beschreibt einen Tikkun, also einen Prozess, in dem etwas Zerbrochenes wiederhergestellt wird, wenn auch in neuer Form. Wechsler erlebt seine Katharsis, indem er selbst in eine Situation gestellt wird, wie er sie zuvor Minsky durch sein Enthüllungsbuch beschert hat. Die Intention aber ist keine zerstörerische. Die Wirrungen, in die er gerät, sind ein Heilungsprozess… Beinahe geschieht ein Mord, und am Ende leben zwei Menschen anders und vermutlich besser als zuvor.
Also fiel meine Wahl auf den Wechsler-Zichroni-Plot, und damit war klar, dass ich zwei Erzähler haben würde, denn das Erzählen aus der Figur heraus, ist mir wichtige Methode. Bei zwei Erzählern ergeben sich mindestens vier naheliegende Varianten, wie man den Text anordnen kann. In einem herkömmlich gebundenen Buch hätte ich die beiden Erzählstränge wohl kapitelweise verschränkt.
Das im letzten Zichroni-Kapitel erwähnte Mussar-Buch »Mesilat Yesharim« steht in meinem Bücherregal in einer hebräisch-deutschen Ausgabe: Der deutsche Text beginnt also »vorn«, der hebräische »hinten«, weil Hebräisch von rechts nach links geschrieben wird. Und meine Frau zeigte mir eine zweisprachige Ausgabe eines Borroughs-Essay, englisch/deutsch. Da beide Sprachen die gleiche Satzrichtung haben, musste dieses Buch wie nun heute »Die Leinwand« gebunden werden, als Buch zum Wenden. Als ich das sah, habe ich binnen Sekunden beschlossen, dass ich »Die Leinwand« so komponieren würde. So nämlich ließ sich der Text in einer Weise präsentieren, der alle Lektürevarianten zulässt und die Entscheidung einerseits dem Leser überlässt, sie ihm andererseits aber auch abfordert. Diese Entscheidung bestimmt das Erlebnis des Buches und ist nicht mehr rückgängig zu machen. »Die Leinwand« berichtet ja von diversen Lebensentscheidungen. Die Form des Buches hat also direkten Bezug zum Inhalt.
Natürlich muss man einen solchen Text dann auch gestalten, so dass zumindest die vier offenbaren Lektürewege »funktionieren«. Das hat mich künstlerisch ungemein gereizt.
War die Umsetzung das schwierigste am ganzen Buch?
An Schwierigkeiten kann ich mich nicht erinnern… Das Buch zu schreiben, hat mir unbändige Freude gemacht. Natürlich muss man einen solchen Text genau planen, aber so arbeite ich ohnehin. Mitunter hatte ich das Gefühl, dass sich deswegen alles mit so leichter Hand bewerkstelligen ließ, weil diese Geschichte genau nach dieser Form verlangt hat.
Sie haben mein Buch auf der Zichroni Seite signiert. Zufall oder gewollt?
Wenn ich auf Lesungen signiere, lasse ich die Besitzer der Bücher entscheiden, wo ich signieren soll. Ich entscheide es nicht für sie! Sie haben mir das Buch geschickt. Also habe ich eine Münze geworfen. Ob es Zufall ist, wie eine solche Münze fällt, müssen Sie selbst entscheiden.
Wie reagieren sie auf schlechte Kritik? 
Das hängt ganz von der Kritik und der Intention des Kritisierenden ab. Ich habe immer das »Sparring« mit anderen Autoren geschätzt. Bei der »Leinwand« war ein befreundeter Autor kontinuierlicher Erstleser neuer Kapitel. Dafür und für seine Kritik werde ich ewig dankbar sein. Eine gemeinsame tiefe Begeisterung für die »Sache« und gegenseitiger Respekt sind wohl Voraussetzung dafür, dass solche Verbindungen funktionieren. Kritik anzunehmen, kann mitunter sehr schwer sein. Wie ich damit umgehe, kann man an folgender Tatsache ablesen: Sicher 90% der Anmerkungen, die meine Agentin oder mein Lektor zum Text hatten, habe ich berücksichtigt – einige allerdings erst in der allerletzten Fahnenkorrektur, nachdem ich mehrere Monate lang eher ablehnend darüber nachgedacht hatte.
Aber vielleicht meinen sie mit »schlechter Kritik« negative Besprechungen durch Kritiker. Reagieren darf man als Autor auf so etwas gar nicht. Davon bin ich überzeugt. Und wenn man sich gekränkt fühlt – also immer – ist im Stillen auch mal ein wenig Arroganz gestattet: Wenn der oder die sich so ablehnend äußern, müssen sie was übersehen haben!
Wie lange haben Sie an „Die Leinwand“ geschrieben?
Das ist im »Turmsegler« dokumentiert. Den Startschuss habe ich mir am 6. November 2007 gegeben (http://turmsegler.net/20071106/mayim-rabim/). Die ersten beiden Zichroni-Seiten habe ich im Flugzeug geschrieben, auf meiner ersten Recherche-Reise nach Israel; Das war am 27. Dezember 2007. Den letzten Punkt habe ich im Oktober 2008 gesetzt (http://turmsegler.net/20081012/die-leinwand-ist-fertig/). Ich sage ja: es war ein Arbeiten mit leichter Hand.

Samstag, 12. Juni 2010

Interview Ulrike Schweikert

Die Autorin Ulrike Schweikert, die einige sehr bekannte Bücher geschrieben hat, hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, einige Fragen zu beantworten. Hier sind die Fragen und ihre Antworten:

Ich habe schon oft gelesen, dass viele Autoren Angst vor den berühmten weißen Blatt haben, das den Beginn eines neuen Buches symbolisiert, zumindest meistens. Kennst Du diese Angst auch?
Angst vor dem weißen Blatt oder besser gesagt vor dem weißen Bildschirm habe ich nicht. Dennoch ist der Anfang nicht leicht. Vielleicht kennt ihr das, dass man, wenn man für eine Arbeit lernen muss erst einmal lauter Ausreden findet, was man unbedingt vorher noch tun muss, ehe man sich hinsetzt und wirklich zu lernen beginnt. So geht es mir bei einem neuen Buch auch. Ich schiebe es also meist ein paar Tage vor mir hier, bis ich dann wirklich die ersten Zeilen schreibe. Die ersten Tage geht es dann nicht so flüssig von der Hand und ich bastle oft lange an jedem einzelnen Satz, dabei schreibe ich das erste Kapitel oft ganz am Schluss noch einmal neu. Man braucht einfach eine Weile, um warm zu werden und in den Schreibfluss zu kommen. Wenn aber erst einmal die ersten fünfzig oder hundert Seiten stehen, dann läuft es.

Die meisten Deiner Bücher spielen in der Vergangenheit. Warum? Warum nicht in der Gegenwart, oder gar in der Zukunft?
Ich finde die Vergangenheit spannend. Es ist wie eine Reise in ein anderes Land. Alles sah anders aus, die Leute haben anders gelebt, sie mussten mit weniger Technik auskommen. Ich finde es einfach spannender, sich in etwas hineinzudenken, das man nicht kennt, und nicht nur die reale Umgebung widerzugeben.


Hättest Du denn Lust darauf, Bücher zu schreiben, die in der Gegenwart oder in der Zukunft spielen?
Nein, ich habe keine Lust, Bücher zu schreiben, die in der Zukunft spielen. Dann schon lieber reine Fantasy in einer selbst ausgedachten Welt. In der Gegenwart spielen die zwei Romane „Der Duft des Blutes“ und „Feuer der Rache“. Das sind moderne Krimis allerdings gemischt mit Fantasy, da die zweite Hautfigur, neben er ermittelnden Kommissarin, der Vampir Peter von Borgo ist.


Viele Deiner Bücher handeln von Vampire. Warum? Was findest Du so faszinierend an Vampiren?
Ich fand die strahlenden Märchenprinzen, die immer gut und edel sind schon immer ein wenig langweilig. Vampire locken mit ihrer dunklen, verbotenen Seite. Das Unbekannte reizt. Ich finde sie aufregend und erotisch. Und macht ein wenig Gefahr nicht alles noch ein wenig begehrlicher?

Wenn man einem aktuellen Trend in der Literaturwelt folgt, bekommen Kapitel keine Überschriften mehr. Warum hast Du trotzdem dazu entschieden, den Kapitel Überschriften zu geben?
Ich finde es ein wenig langweilig und einfallslos, die Kapitel nur noch zu nummerieren. Klar macht man es sich damit einfacher. Außerdem spielen meine Geschichten in vergangenen Zeiten. Auch meine verwendete Sprache ist bewusst ein wenig altertümlich.

In den bisherigen Bänden der „Erben der Nacht“ Reihe hat man noch nicht viel über den Londoner Vyrad Clan erfahren. Warum? Und wann werden sie das Rätsel um diesen Clan lösen?
Man durfte ja Malcolm schon recht gut kennenlernen, und seine Cousine Ireen spielte in Lycana eine unrühmliche Rolle. Mehr gibt es im letzten Band, der bei den Vyrad in London spielen wird.

In allen bisherigen Bänden der Reihe „Die Erben der Nacht“ spielte das Theater eine große Rolle. Warum? Und bist Du selbst auch ein Fan des Theaters?
Die Vampire gehen ins Theater, in die Oper, zu Bällen. Das waren zu dieser Zeit die gesellschaftlichen Ereignisse, als es noch keinen Fernseher und kein Kino gab. Es ist also mehr die Rolle, die das Theater im 19. Jahrhundert in der Gesellschaft spielte als meine persönliche Vorliebe, wobei ich gern Opern- oder Theateraufführungen besuche. Ich habe auch zwei meiner Romane, „Das Jahr der Verschwörer“ und „Die Tochter des Salzsieders“ dramatisiert, also in Theaterstücke umgeschrieben und war dabei, als sie einstudiert und uraufgeführt wurden.

Weißt Du schon genau, wie die Reihe enden wird? Wenn ja, kannst Du uns schon etwas verraten?
Ja, ich weiß, wie die Reihe endet, wenn ich auch noch nicht im Detail sagen kann, wie die Handlungsstränge verlaufen, bis sie dort alle zusammentreffen. Und nein, natürlich verrate ich noch nichts. Ich will Euch ja nicht die Spannung nehmen.

Hast Du schon Ideen für Bücher nach der Reihe? Wird es weitere Vampirbücher geben?
Ich bin mit verschiedenen Verlagen im Gespräch. Ich schreibe ja für Erwachsene und für Jugendliche, historische Romane und Fantasy. So wie sich der Trend abzeichnet, werden sich die Genres immer mehr vermischen. Im Grunde sind ja auch die Erben der Nacht historische und fantastische Romane. Ich werde sicher wieder Romane schreiben, in denen Vampire eine Rolle spielen, aber auch andere magische Wesen werden vorkommen. Das wird sich in den Verhandlungen klären, wenn ich verschiedene Exposés einreiche und bespreche, was die Verlage zuerst haben wollen.

Viele Leseratten, meiner Wenigkeit eingeschlossen, wollen gerne ein Buch schreiben. Was rätst Du diesen Schreibwütigen?
Ich will niemanden vom Schreiben abhalten. Ganz im Gegenteil, ich ermuntere Euch, fangt an und bleibt dran. Schreibt Eure Geschichte. Allerdings muss ich Euch auch sagen, dass die Chancen, dass Ihr jemals Euren Namen auf einem Buch in der Buchhandlung seht, sehr gering sind. Man muss viel Begeisterung mitbringen, hart an sich und seinem Text arbeiten und manches Mal viele Jahre Geduld beweisen und Enttäuschungen einstecken können, bis es dann vielleicht doch noch klappt. Aber nur sehr wenigen Autoren gelingt es, von ihren Geschichten zu leben. Man sagt, es sind in Deutschland nur 5 % derer, die Bücher veröffentlichen. Alle anderen müssen ihren Lebensunterhalt nebenher mit einem anderen Beruf verdienen.

Dein Abschlusskommentar?
Meine Vampire aus „Die Erben der Nacht“ sind mit inzwischen richtig ans Herz gewachsen, und es macht mir immer mehr Spaß, sie in ihre Abenteuer zu schicken. Nach dem letzten Band bin ich sicher erst einmal sehr traurig. Daher fange ich jetzt schon mal an zu überlegen, was Alisa, Ivy, Franz Leopold, Luciano und die anderen nach ihrer Zeit der Akademie noch erleben könnten.

Auch von hier noch einmal vielen Dank an Ulrike Schweikert!

Freitag, 19. März 2010

Interview Thomas Thiemeyer

Viele haben schon von ihm gehört, jedoch noch zu wenige. Ich habe bisher nur ein Buch von Thomas Thiemeyer gelesen, war, und bin immer noch, sehr begeistert von dem Buch und freue mich schon auf die hoffentlich zahlreichen Fortsetzungen und auf die anderen Bücher des Autors. Thomas Thiemeyer hat sich freundlicher Weise dazu bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, und die Fragen möchte ich Euch, zusammen mit den Antworten im Folgenden vorstellen. Viel Spaß dabei!

So, nachdem Ihr jetzt über Thomas Thiemeyer Bescheid wisst, könnt Ihr meine Fragen und seine Antworten lesen.

Vor „Die Stadt der Regenfresser – Die Chroniken der Weltensucher“ hast Du immer Romane für Erwachsene geschrieben. Warum jetzt auf einmal eine Jugendbuchreihe?
Die Auslöser waren ganz sicher die Bücher und Filme, die ich in meiner Jugend verschlungen habe. "Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren", "Reise zum Mittelpunkt der Erde", "Die verlorene Welt". Die Klassiker eben. Als die Anfrage aus dem Hause Loewe kam war ich sofort Feuer und Flamme. Eine Lektorin hatte meinen Roman „Magma“ gelesen und war wohl der Meinung, dass mein Stil und meine Themen sich gut für den Jugendbuchbereich eignen würden. Ich hatte zu dieser Zeit nur eine vage Idee, die ich dann hastig zu Papier brachte. Drei bis vier DIN A4 Seiten. Nicht wirklich viel. Es reichte aber aus, um sie zu überzeugen. Als ich dann von einer Recherchereise nach Afrika zurückkam, lag die Zusage bereits auf meinem Tisch.

Wie kamst Du auf die Idee zu „Die Stadt der Regenfresser – Die Chroniken der Weltensucher“?
Ich hatte die Idee zu einer Buchreihe, die im ausklingenden 19.Jahrhundert spielt. Mich fasziniert einfach diese wundersame Welt von vor über hundert Jahren, in der eine Aufbruchstimmung herrschte, wie wir sie vielleicht nie wieder erleben werden. Die Elektrizität steckte noch in den Kinderschuhen und Deutschland wurde von einem Kaiser regiert. Die Welt war zu weiten Teilen unerforscht und die weißen Flecken auf den Landkarten unermesslich groß. Wir fingen gerade an die Lüfte zu erobern und der Ozean war ein dunkles, tiefes Nichts. Für einen Entdecker ein herrlicher Zustand. So kam es zu der Idee einen Abenteurer zu erschaffen, der all das entdecken darf und dazu noch viel mehr. Und was läge näher, als ihn als Verwandten des womöglich größten Naturforschers aller Zeiten anzulegen, dem unvergleichlichen Alexander von Humboldt? Das war die Geburtsstunde von Carl Friedrich.

Hast Du eine Lieblingsfigur in „Die Stadt der Regenfresser – Chroniken der Weltensucher“?
Obwohl ich weiß, dass viele meiner Leser den Kiwi Wilma lieben, ist meine Hauptfigur natürlich Oskar. Er ist für mich das Tor in die Geschichten. Durch seine Augen sehe und erlebe ich die Abenteuer, entdecke ferne Länder und Kulturen und trete unheimlichen Geschöpfen gegenüber. Er ist sozusagen mein Alter-Ego. Klar, dass er mir am meisten ans Herz gewachsen ist.

Hast Du schon Buchpläne für nach der Trilogie „Chroniken der Weltensucher“?
Es ist eigentlich keine Trilogie. Stimmt schon, ich habe zuerst mal einen Dreibuchvertrag abgeschlossen, aber die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Da jeder Band in sich abgeschlossen ist, dürfte das kein Problem sein. Ob es aber nach den ersten drei Bänden weitergeht, hängt vom Erfolg der Bücher ab. Ich hoffe aber sehr, denn ich habe noch sehr viele schöne Ideen.
Und was danach kommt? Nun, zuerst mal ein neuer Thriller für Erwachsene, der im Herbst diesen Jahres bei Knaur erscheinen wird. Darin geht es um eine Art Portal, durch das Menschen in andere Welten vordringen können. Wer jetzt allerdings an "Stargate" denkt, liegt ziemlich daneben.

Warum schreibst Du Bücher? Was ist das Tolle am Schreiben?
Weil ich es liebe und weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann. Es ist, als ob man auf die Jagd gehen würde. Man taucht ab in unbekannte Gebiete, man folgt Fährten, lernt Spuren zu lesen, erlebt Abenteuer und wenn man Glück hat, kommt man mit reicher Beute wieder heim. Und darüber hinaus erfährt man auch etwas über sich selbst.

Kannst Du uns einen normalen Tag im Leben eines Schriftstellers schildern?
Ein normaler Tag geht meist um 8 Uhr los. Vorher natürlich Aufstehen, Kaffee kochen und so. Dann muss man sich erst mal um die Kinder kümmern, meine Frau geht dann auch zur Arbeit. Aber ab 8 Uhr habe ich meistens die Wohnung für mich, bis dahin ist dann schon etwas zu Trinken hingestellt, das Zimmer abgedunkelt und ich gehe erst mal an den Text vom Vortag, korrigiere ein bisschen und fange dann an weiter zu schreiben. Mittlerweile habe ich das Ziel mindestens 1000 Worte am Tag zu schaffen, das entspricht etwa vier Manuskriptseiten. Das ziehe ich auch konsequent am Wochenende und im Urlaub durch. Selbst auf Reisen habe ich immer ein Laptop dabei, um gegebenenfalls zwischendurch etwas schreiben zu können. Als Autor lebt man die ganze Zeit mit seinen Geschichten, das ist einfach so.

Wie sieht der Weg von der Idee zum Buch aus? (Idee – Recherche – Schreiben – Kontrolle?)
Wenn ich anfange zu schreiben, ist die ganze Sache schon ziemlich konkret. Die Arbeit an einem Buch zieht sich meist über mehrere Jahre. Es fängt an mit einer vagen Idee, zu der man sich eine Notiz macht. Meist wandert sie aber in ein Ablagefach. Ab und zu geht man seine Notizen durch, kombiniert des eine mit dem anderen und überlegt, welche Geschichten man daraus machen könnte, welche Figuren dazu passen und welche überraschenden Wendungen man einbauen könnte. Wenn ich den Punkt erreicht habe, an dem ich ein gutes Handlungsgerüst, einen starken Einstieg und ein gutes Ende hebe, gehe ich Kapitel für Kapitel durch und überlege mir, welche Szenen unbedingt ins Buch müssen. Es ist genau, wie es Frank Schätzing einmal formulierte. Man fertigt eine Art Rohbau, bei dem man zuerst die Stahlträger einrammt, und dann anfängt verschiedene Stockwerke einzuziehen. Ist das geschafft, kommen die Wände, die Heizungen und Fenster, bis hin zu der Frage, welche Tapeten und Farben man verwendet. Es ist ein langer Prozess, wobei das Schreiben des Romans selbst den kürzesten Teil darstellt.

Was liest Du für Bücher in Deiner Freizeit?
Hoffentlich gute Bücher, egal aus welchem Genre. Zur Zeit liegt Stephen King's "Die Arena" auf meinem Nachttisch, davor war es Dan Simmon's 'Drood'. Dazwischen geschoben habe ich Mervyn Pike's "Gormenghast", was wohl zum Außergewöhnlichsten gehört, was jemals in der Fantasy geschrieben wurde. Natürlich sind auch eine Menge Sachbücher darunter, zur Zeit besonders Bücher über das Nordkap und Spitzbergen.

Hast Du ein Lieblingsbuch?
Nein, eigentlich nicht. Dafür gibt es zu viele gute Bücher. Selbst wenn ich mich auf zehn für die Insel beschränken müsste, täte ich mich schon schwer.

Abschlusskommentar?
Danke für das Interesse und viel Spaß mit meinen Büchern. I'll be back.

Die Rezension zu „Die Stadt der Regenfresser – Chroniken der Weltensucher“ findet Ihr auch hier auf meinem Blog und ich hoffe, dass Ihr durch das Interview neugierig auf den Autor geworden seid und die Bücher des Autors lest.